Neue Therapieoptionen schaffen: Molekulare Profilierung bei seltenen Tumoren
Seltene Krebsarten machen weltweit 20 bis 25 Prozent aller neuen Krebsdiagnosen aus, doch Patient:innen mit diesen Erkrankungen sehen sich meist mit begrenzten Behandlungsmöglichkeiten konfrontiert. Kann eine umfassende molekulare Profilierung dazu beitragen, dieses Defizit zu beseitigen? Dieser Frage gingen Forschende am NCT Heidelberg und hochkarätige Kooperationspartnern nach. Ihre Studie, die jetzt im Fachjournal Med by Cell Press veröffentlicht wurde, zeigt, wie sich für Patient:innen mit seltenen neuroendokrinen Neoplasien (NEN) durch moderne molekulare Diagnostik neue Behandlungsoptionen erschließen lassen. NEN sind seltene Tumoren, die aus hormonbildenden (neuroendokrinen) Zellen entstehen und oft erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert werden.
Die Auswertung basiert auf Daten aus dem MASTER Programm des Deutschen Krebsforschungszentrum, der NCT-Standorte und des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung. Untersucht wurden Patient:innen, die schon mehrere Therapien erhalten hatten, mithilfe umfassender genetischer Analysen – darunter die Sequenzierung des gesamten Erbguts (Ganzgenom/Exom) sowie der RNA, die Aufschluss über aktive Gene gibt.
Für rund 85 Prozent der Patient:innen konnten auf dieser Grundlage individuelle Therapieempfehlungen abgeleitet werden. In etwa 70 Prozent der auswertbaren Fälle zeigte sich ein klinischer Nutzen. Das deutet darauf hin, dass eine präzise molekulare Charakterisierung auch bei seltenen Tumoren konkrete Auswirkungen auf die Behandlung haben kann.
Die Studie liefert zudem Hinweise auf spezifische biologische Mechanismen, die therapeutisch genutzt werden könnten: So kann eine Behandlung mit dem Chemotherapeutikum Temozolomid bei einem Teil der Patient:innen zu Defekten in der DNA-Reparatur führen (Mismatch-Reparatur-Defizienz). Dadurch steigt die Zahl der Mutationen im Tumor, was ihn möglicherweise angreifbarer für Immuntherapien wie Checkpoint-Inhibitoren macht.
In einzelnen Fällen wurden zudem seltene genetische Veränderungen entdeckt, die gezielt behandelt werden konnten und mit sehr guten Therapieansprechen einhergingen.
Die Ergebnisse sind Teil einer Reihe von Studien zu seltenen Tumorerkrankungen im MASTER Programm, die eine differenzierte molekulare Diagnostik einsetzen, um auch für Patient:innen mit begrenzten Therapieoptionen neue Wege zu eröffnen.
Publikation:
Simon Kreutzfeldt, Leonidas Apostolidis, Małgorzata Oles, Eva Krieghoff-Henning, Christoph E. Heilig, Christoph Heining, Andreas Mock, Maria-Veronica Teleanu, Barbara Hutter, Laura Gieldon, Barbara Klink, Katja Beck, Daniela Richter, Annika Baude-Müller, Eva Reisinger, Nils Hammer, Leila Kamkar, Katrin Pfütze, Christina Geörg, Mario Lamping, Damian T. Rieke, Sebastian Uhrig, Henning Jann, Ulrich-Frank Pape, Michael Allgäuer, Albrecht Stenzinger, Eva C. Winkler, Bertram Wiedenmann, Dirk Jäger, Benedikt Brors, Daniel Hübschmann, Evelin Schröck, Ulrich Keilholz, Marianne Pavel, Peter Horak, Hanno Glimm, and Stefan Fröhling: Clinically actionable genomic and transcriptomic landscape of advanced neuroendocrine neoplasms DOI: 10.1016/j.medj.2026.101130