Was bewirkt körperliche Aktivität bei Krebs?

Wissenschaftlich gesicherte Effekte im Überblick

In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Studien erschienen, die positive Effekte von körperlicher Aktivität bei Krebsbetroffenen zeigen. Einige Effekte sind durch mehrere qualitativ hochwertige Studien übereinstimmend nachgewiesen – man spricht von überzeugender wissenschaftlicher Evidenz. Andere Effekte wurden hingegen nur in einzelnen Studien berichtet. Auch für seltenere Krebsarten liegen erst wenige Daten vor.

Dieses Wissen gilt insgesamt noch nicht als gesichert. Im Folgenden wird ein Überblick über die Effekte von Training während und nach Krebstherapie gegeben, wobei die Evidenzlage nach dem American College of Sports Medicine (ACSM) dargestellt ist.

Körperliche Aktivität während und nach Krebstherapie ist sicher, was für Brust- und Prostatakrebsbetroffene (mit Chemo-, Strahlen- oder Hormontherapie) sowie für hämatoonkologische Patienten (mit Stammzelltherapie) überzeugend nachgewiesen ist. Auch im Hinblick auf Lymphödeme bei Brustkrebspatientinnen ist Training sicher. Die Sicherheit ist mit der höchsten Evidenz-Kategorie A bewertet. Für andere Krebsarten liegen erst wenige Studien vor. Allerdings hat keine dieser Studien Zweifel an der Sicherheit von körperlicher Aktivität geweckt, weshalb das Ergebnis auf andere Krebsarten übertragbar erscheint.

Durch körperliches Training steigern Krebsbetroffene ihre Kraft- und Ausdauerleistungsfähigkeit. Dieser Effekt ist für Brust- und Prostatakrebs mit Evidenz-Kategorie A nachgewiesen. Für hämatologische Krebsarten gilt hinsichtlich einer Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit Evidenz-Kategorie B, d. h. die Anzahl hochwertiger Studien ist geringer und die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich. Steigerungen der Kraftleistungsfähigkeit wurden bei hämatologischen Krebsarten mit Evidenz-Kategorie C belegt, was bedeutet, dass die Erkenntnis auf qualitativ weniger hochwertigen Studien beruht. Auch hierzu liegen für andere Krebsarten erst wenige Untersuchungen vor, deren Ergebnisse jedoch in die gleiche Richtung deuten.

Bei Brustkrebspatientinnen verbessert sich durch körperliche Aktivität die Beweglichkeit (Evidenz-Kategorie A). Operationsbedingte Bewegungseinschränkungen bei anderen Tumorentitäten sind bislang kaum untersucht.

Körperliches Training wirkt funktionellen Einschränkungen entgegen, sodass Alltagsaufgaben besser bewältigt werden können. Für Brust- und Prostatakrebs ist dies belegt (Evidenz-Kategoiren A bzw. B). Auch wenn zu wenige Studien zu anderen Tumorentitäten vorliegen ist anzunehmen, dass Ähnliches gilt.

Durch körperliches Training sinkt der Körperfettanteil und gleichzeitig steigt die Muskelmasse. Bei Brustkrebspatientinnen (mit Chemo- und/oder Strahlentherapie) und Prostatakrebspatienten (mit Antihormontherapie) ist dieser Effekt belegt (Evidenz-Kategorie B). Auch für andere Krebserkrankungen erscheint der Effekt möglich, aber für eine sichere Beurteilung liegen noch nicht genügend Daten vor.

Erste Studien weisen darauf hin, dass körperliche Aktivität das Gesamtüberleben und das krebsspezifische Überleben bei Brust-, Darm- und Prostatakrebs möglicherweise verlängern könnte. Diese Vermutung basiert allerdings auf Beobachtungsstudien, die eine geringere Aussagekraft haben als experimentelle Studien. Die Datenlage muss deshalb sehr vorsichtig interpretiert werden – als gesichert gilt der Effekt bislang nicht. 

Eine Reihe weiterer positiver Effekte von körperlicher Aktivität wurde in einzelnen Studien beobachtet, die Datenlage ist für überzeugende Evidenz allerdings nicht ausreichend. Hierzu gehören reduzierte Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie sowie geringere Schmerzen und andere Krankheitssymptome. Darüber hinaus fanden einzelne Studien, dass körperliche Aktivität das Immunsystems stärkt, dem Abbau von Knochendichte entgegenwirkt und positive Effekte auf Polyneuropathie, Tumorkachexie, Inkontinenz sowie die sexuelle Funktion hat. Und schließlich sinkt durch regelmäßiges Training das Risiko für andere Erkrankungen, die mit Bewegungsmangel zusammenhängen.

Körperliche Aktivität reduziert Fatigue. Dieser Effekt ist für Prostatakrebs (Evidenz-Kategorie A), Brustkrebs (Kategorie B) und hämatoonkologische Erkrankungen mit und ohne Stammzelltransplantation (Kategorie C bzw. B) belegt. Bewegung wird häufig als einzig effektive Maßnahme gegen Fatigue gesehen. Einzelne Studien mit anderen Krebsarten deuten auf ähnliche Effekte hin, aber die Anzahl der Studien reicht für eine sichere Beurteilung noch nicht aus.

Durch körperliche Aktivität steigt die Lebensqualität, was für Brust- und Prostatakrebs (Evidenz-Kategorie B) sowie für hämatoonkologische Erkrankungen (Kategorie C) belegt ist. Umgekehrt scheint körperliche Inaktivität zu einer Verschlechterung der Lebensqualität zu führen. Auch dieses Ergebnis ist vermutlich auf andere Krebserkrankungen übertragbar, allerdings liegen für eine gesicherte Aussage bislang zu wenige Studien vor.

Dass körperliche Aktivität Ängstlichkeit und Depressivität reduziert, ist für Brustkrebs belegt (Evidenz-Kategorie B). Übersichten, in denen verschiedene Krebsarten gemeinsam betrachtet wurden, ergaben ebenfalls eine Abnahme der Depressivität durch Bewegung.

Auch das Selbstbild verbessert sich durch körperliche Aktivität bei Brustkrebsbetroffenen (Evidenz-Kategorie B). Auch hier ergab eine Übersicht mit verschiedenen Krebsarten insgesamt positive Effekte.

Einzelne Studien weisen auf weitere positive Effekte für die Psyche hin. Hierzu gehören insbesondere Verbesserungen von Stimmungszustand, emotionalem Wohlbefinden und Selbstwertgefühl. Auch Schlafstörungen verbesserten sich einzelnen Studien zufolge durch Training.  Die Datenlage ist aber auch hier für eine endgültige Beurteilung nicht ausreichend.