vom 21.09.2016

Entscheidungen in der letzten Lebensphase: Lohfert Stiftung zeichnet gemeinsames Projekt des NCT Heidelberg und des Universitätsklinikums München aus

Die moderne Medizin hat die Anzahl der Behandlungsmöglichkeiten in nahezu jeder Krankheitssituation vergrößert. Dadurch sind Patienten, medizinisches und pflegerisches Personal stärker als bisher gefordert, aktiv zu entscheiden, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht. Wissenschaftler aus München und Heidelberg haben eine Leitlinie entwickelt, die Krebspatienten, Angehörige und Behandlungsteams unterstützen soll, frühzeitig und wiederholt offene Gespräche zu führen. Dadurch kann der Patient seine Situation am Lebensende realistischer einschätzen und dem Arzt die eigenen Wünsche besser mitteilen. Das gemeinsame Projekt des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg und des Universitätsklinikums München wurde mit dem Lohfert-Preis 2016 ausgezeichnet.
Das NCT Heidelberg ist eine gemeinsame Einrichtung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), des Universitätsklinikums Heidelberg und der Deutschen Krebshilfe.

Die Lohfert Stiftung zeichnet jährlich praxiserprobte und nachhaltige Konzepte in der Medizin aus, die den Menschen, seine Bedürfnisse und seine Interessen in den Mittelpunkt rücken. Das Ziel der 2010 gegründeten Stiftung ist es, den Weg des stationären Patienten im Krankenhaus, die Kommunikation in den Kliniken und die Patientensicherheit zu verbessern. Lohfert-Preisträger 2016 sind Prof. Dr. Dr. Eva Winkler vom NCT Heidelberg und Dr. Pia Heußner vom Universitätsklinikum München mit ihrem Projekt "Therapiebegrenzung: Verbesserung der gemeinsamen Entscheidungsfindung mit onkologischen Patienten". Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Die Preisverleihung erfolgt am 21. September 2016 während des 12. Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg.

Am Lebensende entscheiden sich viele Patienten für mehr Lebensqualität und gegen weitere lebensverlängernde Maßnahmen. Es gibt aber auch Menschen, die eine Maximaltherapie wünschen, selbst wenn die Hoffnung nur noch sehr gering und ein Nutzen nicht mehr wahrscheinlich ist. Andere wollen ihre Prognose lieber gar nicht wissen. Es kommt leider auch vor, dass Patienten nicht nach ihren Wünschen gefragt oder diese nicht dokumentiert werden. Wenn dann die weitere Behandlung geplant werden soll, kann es zu Konflikten zwischen den Betroffenen und dem medizinischen Personal kommen.

Laut einer Untersuchung der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg und des NCT Heidelberg gaben 93 Prozent der insgesamt 194 befragten Krebspatienten an, dass sie am Lebensende mitbestimmen wollen. Doch nur 61 Prozent der Befragten fühlten sich auch tatsächlich ausreichend einbezogen.

Mit dem Ziel, den Entscheidungsprozess in der letzten Lebensphase zu verbessern, startete im April 2012 eine Interventionsstudie. Die Wissenschaftlerinnen Eva Winkler und Pia Heußner leiteten das von der Deutschen Krebshilfe e.V. geförderte Projekt. Die Wissenschaftlerinnen entwickelten auf Basis der Studienergebnisse gemeinsam mit verschiedenen Berufsgruppen der Medizinischen Klinik und Poliklinik III in München einen Leitfaden für den klinischen Alltag. Die Anleitung hilft dem Behandlungsteam, den Patientenwunsch kennenzulernen und zu berücksichtigen. Sie gibt darüber hinaus Tipps für schwierige Gesprächssituationen.

"Eine große Herausforderung ist es, die Leitlinie so zu gestalten, dass sie im Klinikalltag gut handhabbar ist und einen tatsächlichen Mehrwert bringt", berichtet Winkler. Die Gespräche sollen dazu beitragen, Übertherapien zu vermeiden. Der Patient soll in der letzten Lebensphase Behandlungen weniger als Last, sondern mehr als Nutzen empfinden.

"Eine gemeinsame Entscheidungsfindung wahrt den Patientenwillen. Die Pflege kann an die Bedürfnisse der Patienten angepasst werden", erklärt Winkler. "Wir wissen heute, dass eine vorausschauende Behandlungsplanung, die den Patienten früh auf Entscheidungen am Lebensende vorbereitet, Angst und Depressionen verringern und damit die Lebensqualität für den kranken Menschen verbessern kann."

Wie genau die Leitlinie sich im klinischen Alltag am Universitätsklinikum Großhadern in München bewährt, wird derzeit untersucht. Mit dem Preisgeld wollen die Wissenschaftlerinnen die Leitlinie stetig verbessern und sie in weiteren Kliniken einführen. Für das NCT Heidelberg soll der Leitfaden ebenfalls angepasst und angewendet werden.

Pia Heußner ist Oberärztin an der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Klinikums der Ludwigs-Maximilians-Universität LMU München und leitet dort die Psychoonkologie. Eva Winkler ist Oberärztin für Tumoren mit neuroendokriner Herkunft am NCT Heidelberg und leitet den Schwerpunkt "Ethik und Patientenorientierung in der Onkologie".

Mehr erfahren über die Preisträger im Video der Lohfert Stiftung
https://www.youtube.com/watch?v=lewfPnnzV-8

Unter folgendem Link kann die Leitlinie heruntergeladen werden:
http://www.ethikkomitee.de/downloads/leitlinie-zur-therapiebegrenzung.pdf

Ansprechpartner für die Presse:Dr. Friederike FellenbergNationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) HeidelbergPresse- und ÖffentlichkeitsarbeitIm Neuenheimer Feld 46069120 HeidelbergTel.: +49 6221 56-5930Fax: +49 6221 56-5350E-Mail: friederike.fellenberg@nct-heidelberg.dewww.nct-heidelberg.deDr. Stefanie SeltmannDeutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitDeutsches KrebsforschungszentrumIm Neuenheimer Feld 28069120 HeidelbergTel.: +49 6221 42-2854Fax: +49 6221 42-2968E-Mail: S.Seltmann@dkfz.dewww.dkfz.deDoris Rübsam-BrodkorbUniversitätsklinikum Heidelberg und Medizinische Fakultät der Universität HeidelbergPresse- und ÖffentlichkeitsarbeitIm Neuenheimer Feld 67269120 HeidelbergTel.: +49 6221 56-5052Fax: +49 6221 56-4544E-Mail: doris.ruebsam-brodkorb@med.uni-heidelberg.dewww.klinikum.uni-heidelberg.deDas Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg ist eine gemeinsame Einrichtung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), des Universitätsklinikums Heidelberg, der Medizinischen Fakultät Heidelberg und der Deutschen Krebshilfe. Ziel des NCT ist es, vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung möglichst schnell in die Klinik zu übertragen und damit den Patienten zugutekommen zu lassen. Dies gilt sowohl für die Diagnose als auch die Behandlung, in der Nachsorge oder der Prävention. Die Tumorambulanz ist das Herzstück des NCT. Hier besprechen Ärzte und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen das Vorgehen im individuellen Fall. Jeder Patient erhält einen persönlichen Therapieplan, den die Expertenrunde, in den sogenannten Tumorboards, zeitnah erstellt. In klinischen Studien erproben Ärzte des NCT neue Therapien und eröffnen damit auch Patienten mit schwer kontrollierbaren Tumoren eine Chance. Das NCT arbeitet mit Selbsthilfegruppen zusammen und unterstützt diese in ihrer Arbeit. In Dresden wird seit Beginn des Jahres 2015 ein Partnerstandort des NCT aufgebaut.Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät HeidelbergKrankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 12.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 klinischen Fachabteilungen mit ca. 1.900 Betten werden jährlich rund 66.000 Patienten voll- bzw. teilstationär und mehr als 1.000.000 mal Patienten ambulant behandelt. Das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. Derzeit studieren ca. 3.500 angehende Ärztinnen und Ärzte in Heidelberg.